Halbseidenstraße

So schnell kann es gehen, dass man in der globalisierten Welt von einem Phänomen betroffen ist, das man weit, weit weg von sich selbst wähnte. Chinas Neuauflage der Seidenstraße ist so ein gigantisches machtpolitisches Projekt, dass man sich kaum vorstellen kann, davon auch im namibischen Busch betroffen sein zu können. In gewisser Weise sind wir das aber – wenn auch in viel kleinerem Maßstab. Deshalb nenne ich es auch „Halbseidenstraße“. „Halb“ wegen der geringen Größe und „Halbseiden…“ wegen des kriminellen Hintergrunds. Aber der Reihe nach:

Vor elf Jahren schon hatten wir uns dagegen gewehrt, dass unser wunderschöner Sundownerplatz mit Blick gen Westen über den Brandberg hinweg Opfer einer Minengesellschaft wird, die hier Granit abbauen wollte. Nachdem bereits einige Tonnen abgebaut waren, waren wir mit unserem Widerstand erfolgreich. Warum wissen wir allerdings bis heute nicht genau. Mitte dieses Monats – ausgerechnet zu meinem Geburtstag – bekamen wir den Hinweis, dass an der selben Stelle wieder schwere Maschinen aktiv sind.

Gesehen oder gehört hatten wir das nicht, weil dieser Granitberg an unserem nördlichsten Grenzzipfel etwas versteckt liegt. An diesem Zipfel haben fünf Farmen eine gemeinsame Grenze. Der Besitzer einer dieser fünf Farmen hat offensichtlich einem Joint Venture zwischen einem Namibier und einer chinesischen Firma die Erlaubnis erteilt, auf seinem Gelände eine aufwändige Infrastruktur für den späteren großräumigen Abbau zu erteilen. Das Problem ist nur, dass weder der Namibier noch die Chinesen eine gültige Lizenz haben – weder zum prospektieren noch zum abbauen.

Das nächste Problem ist, dass sowohl der benachbarte Farmer als auch die Chinesen vor ihren Aktivitäten laut Gesetz Kontakt mit den angrenzenden Farmern hätten aufnehmen müssen, um sich eventuell auf ein Vorgehen zu einigen.

Und das dritte und für uns im Moment gravierendste und ärgerlichste Problem ist, dass die Bauarbeiter mit ihren schweren Maschinen bereits auf unser Gebiet vorgedrungen sind, dabei den Grenzzaun, den gesamten Sundownerplatz und – noch viel schlimmer – Buschmannmalerein zerstört haben.

Gemeinsam mit unserem Nachbarn von Etendero leisten wir nun Widerstand. Zunächst einmal haben wir das Minenministerium, das Umweltministerium und die Behörde für den Erhalt nationalen Kulturguts über die Lage informiert. Bisher gab es keine Rückmeldung. Wie wir aus einigen Quellen erfahren haben, sei vor allem das erstgenannte Ministerium nicht ganz frei von Korruption. Zudem muss man wissen, dass die Chinesen seit sie den Freiheitskampf der Swapo unterstützt haben, in Namibia einen auch von der Regierung tolerierten oder auch gedeckten Sonderstatus genießen. Halbseidenstraße…

Wir haben uns für den geraden, rechtsstaatlichen Weg entschieden: Juristischen Rat eingeholt, Anzeige erstattet und unsere Grenze so markiert, dass sie niemand mehr übersehen kann.

Das mit der Anzeige war gar nicht so einfach. Es dauerte Tage, bis ich den Kommandanten der Polizeistation Omaruru davon überzeugen konnte, von welcher Dimension dieser Fall ist. Ich erinnerte ihn u.a. daran, in welchem Umfang ebenfalls chinesische Firmen im Norden Namibias ebenfalls illegal die wenigen uralten Edelholzbäume abholzten. Es gibt noch mehr Beispiele in diesem Land, wie Chinesen hiesige Ressourcen plündern.

Schließlich erklärte sich der Polizeichef sogar bereit, sich den Tatort persönlich anzuschauen. Er war sichtlich überrascht, dass ich nicht übertrieben hatte. Trotzdem neigte er eher dazu, mich von der Anzeige abzubringen. Müßig darüber zu spekulieren warum. Zwei Tage vor Monatsende war die Anzeige dann endlich in den Akten der Polizeistation. Sie war übrigens vom Polizeichef persönlich vorformuliert und in der Sache korrekt.

Der vorläufige Höhepunkt des Projekts „Halbseidenstraße“ war ein überraschender Anruf ebenfalls am 30. August. Er kam von dem Mann, der vor elf Jahren schon einmal an der selben Stelle den Granit abbauen wollte. Er teilte mir mit, dass er mit der chinesischen Firma eine heftige Auseinandersetzung führe, weil er immer noch im Besitz einer gültigen aber ruhenden Lizenz für unseren Sundownerplatz sei. Da kam mir eine alte Militärtaktik in den Sinn „Der Feind meiner Feinde ist mein Freund“ – natürlich nur so lange, bis die Schlacht geschlagen ist. Das kann noch spannend werden.

Und da gibt es noch eine interessante Beobachtung. Das mag Jeder für sich einschätzen, wie er will. Zu der neu installierten Infrastruktur gehören auch moderne Wohncontainer mit Küche, Wohnräumen, sanitären Einrichtungen.

Als wir dort waren, waren sie ausschließlich von chinesischen Arbeitern genutzt. Die afrikanischen Arbeiter hausten außerhalb des eingezäunten Camps in Zelten bzw. unter freiem Himmel.

 

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